
Krankenhausreform, Ärztemangel, Pflegekrise, steigende Kosten und eine alternde Gesellschaft setzen das deutsche Gesundheitssystem massiv unter Druck, besonders in ländlichen Regionen.
- Wie kann eine wohnortnahe Versorgung auch künftig gesichert werden?
- Und welche Rolle spielen Kommunen, Pflege, ambulante Versorgung und regionale Gesundheitsnetzwerke?
Ich habe mich gefreut, dass ich als Präsidentin des Inner Wheel Clubs Erlangen Emmi Zeulner zu diesen hochaktuellen Themen als Referentin gewinnen konnte. Am 29. Juni 2026 sprach die Bundestagsabgeordnete bei einem Intercity-Meeting über Weichenstellungen aus Berlin und ihren politischen Fokus. Als examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin ist sie seit 2013 Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Kulmbach-Lichtenfels-Bamberg-Land und als solche im Gesundheitsausschuss für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Als stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgruppe Gesundheit und Obfrau im Gesundheitsausschuss begleitet sie zentrale Reformvorhaben in Berlin unmittelbar mit.
Reformnotwendigkeit und ‚caring community‘
Emmi Zeulner machte anfangs deutlich, dass das Gesundheitswesen vor einer doppelten Herausforderung steht: Die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung und der Pflegeversicherung gerät massiv unter Druck, gleichzeitig sind echte Strukturreformen überfällig. Dabei dürften Reformen nicht einseitig zulasten bestimmter Gruppen gehen. Besonders hob sie die Situation pflegender Angehöriger hervor, die einen großen Teil der Sorgearbeit leisten und dafür Anerkennung und Unterstützung brauchen.
Ein wichtiges Leitbild ist für sie die „Sorgende Gemeinschaft“ beziehungsweise Caring Community. Pflege und Versorgung braucht ein gesellschaftliches Leitbild des füreinander Sorgens und des sich gegenseitig Unterstützens:Es braucht ein regionales Netzwerk, verankert in der Zivilgesellschaft, aus Angehörigen, Pflegekräften, Kommunen, Beratungsstellen und professionellen Akteuren, die sich in einer gemeinsame Sorgekultur derjenigen annehmen, die Unterstützung und Hilfe brauchen. Dafür brauche es gut erreichbare Ansprechpartner vor Ort, ähnlich einer modernen Gemeindeschwester, für die auf Bundesebene noch in diesem Jahr die Grundlage geschaffen werden soll. Zudem müssen die Kommunen mehr Verantwortung übernehmen und durch Planung eine angemessene pflegerische Infrastruktur für ihre Bürgerinnen und Bürger sichern.

Für Krankenhäuser
Krankenhäuser stehen mitten in einer bundesweiten Klinikreform zwischen wirtschaftlichem Druck, Personalmangel, Qualitätsvorgaben, Ambulantisierung und dem Ruf nach Versorgungssicherheit. Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser war ein zentrales Thema in der Diskussion. Emmi Zeulner sprach an, dass insbesondere kommunale und freigemeinnützige Träger stark unter Druck stünden, was wiederum auch die Kommunen als Träger weiter in Bedrängnis bringe. Gleichzeitig betonte sie, dass Strukturreformen notwendig seien, aber so gestaltet werden müssten, dass Versorgung vor Ort nicht gefährdet werde.
Zur Frage der Ambulantisierung erklärte sie, dass der ambulante Bereich in Deutschland noch unterentwickelt sei. Hybrid-DRGs seien ein Instrument, um ambulante Operationen besser zu vergüten und dadurch Anreize zu setzen, Eingriffe nicht unnötig stationär durchzuführen. Zugleich müsse aber sichergestellt werden, dass ältere, multimorbide oder alleinlebende Patientinnen und Patienten nach ambulanten Eingriffen angemessen versorgt werden können.
Behandlungsqualität sichern
Ein weiterer Punkt war die Qualitätssicherung. Zeulner sprach sich grundsätzlich für Qualitätsindikatoren anstelle von den jetzigen Prozessvorgaben und Strukturvoraussetzungen aus, räumte aber ein, dass diese zusätzlichen bürokratischen Aufwand verursachen. Dennoch brauche es eine objektivere Grundlage als reine Mundpropaganda, um Patientinnen und Patienten erklären zu können, ob eine Leistung medizinisch sinnvoll und qualitativ gut sei.
Erweiterte Rolle der Pflege
Beim Thema Pflege im Krankenhaus ging Zeulner auf das Pflegebudget und die Pflegepersonalvorgaben ein. Sie erklärte, dass die Pflege früher zu oft „Sparschwein“ der Krankenhäuser gewesen sei. Deshalb sei auch auf ihren Druck das Pflegebudget damals eingeführt worden, um eine ausreichende pflegerische Versorgung im Krankenhaus abzusichern. Inzwischen habe sich diese Lage aber stabilisiert und es bestünden stattdessen eine Vielzahl an Personalvorgaben und Bemessungsinstrumenten, die auf ein Mindestmaß reduziert werden sollten, um den Kliniken dadurch mehr Flexibilität zu geben. Ihr Ziel: Ein verlässliches Bemessungsinstrument, dadurch weniger Bürokratie und mehr Kompetenznutzung in der Pflege im Sinne eines kompetenzorientierten Personalmix statt starrer Funktionspflege.
Zukunftsweisend waren daher auch ihre Aussagen zur erweiterten Rolle der Pflege. Advanced Practice Nurses, Pflegekräfte auf Masterniveau, aus denen auch die Gemeindeschwestern hervorgehen sollen und ein besserer Qualifikationsmix in der Versorgung, bei dem auch Weiterbildungen und Berufserfahrung erfahrener Pflegekräfte berücksichtigt werden müssen. Dies könnte Ärzte entlasten, dadurch Versorgung stabilisieren und Pflegeberufe attraktiver machen. Das hier liegende Potential wurde insbesondere an einem Beispiel Zeulners deutlich: Unnötige Transporte aus Pflegeheimen ins Krankenhaus, etwa für Katheterwechsel – obwohl Pflegekräfte für den Wechsel heute grundsätzlich schon ausgebildet sind – wären überflüssig. Im Moment braucht es zunächst eine ärztliche Anordnung.
Marktwirtschaftliche Elemente?
Michael Waasner, Präsident der IHK für Oberfranken Bayreuth, stellte die grundsätzliche Frage, ob im Gesundheitswesen mehr marktwirtschaftliche Instrumente eingesetzt werden sollten. Sein Argument: In anderen Bereichen führten Wettbewerb und marktwirtschaftliche Mechanismen häufig dazu, dass Qualität steige und Preise sinken. Er fragte, ob Krankenkassen, die das System finanzieren, mehr Möglichkeiten erhalten sollten, positiv auf Effizienz und Qualität einzuwirken.
Er präzisierte: Es gehe nicht darum, Versorgung dem Markt zu überlassen, sondern darum, mit marktwirtschaftlichen Instrumenten Überversorgung abzubauen und gleichzeitig sicherzustellen, dass diejenigen, die Versorgung wirklich brauchen, diese auch erhalten. Er verband dies mit der Sorge, dass das Sozialsystem bei steigenden Kosten und möglicherweise sinkender Wirtschaftsleistung künftig immer schwerer finanzierbar werde.
Emmi Zeulner antwortete differenziert. Sie widersprach nicht grundsätzlich dem Gedanken von Effizienz und Wettbewerb, setzte aber eine klare Grenze: Gesundheit sei für sie Teil der Daseinsvorsorge und könne deshalb nicht rein marktwirtschaftlich organisiert werden.
Ihr Hauptargument: Ein freier Markt würde Versorgung dorthin lenken, wo sie sich wirtschaftlich lohnt; also vor allem in Ballungszentren. In strukturschwachen Regionen, an Landkreisgrenzen oder in ländlichen Räumen bestehe dann die Gefahr, dass sich niemand mehr niederlasse oder Angebote aufrechterhalte. Sie nannte sinngemäß das Problem: Man könne eine ältere Patientin nicht wie eine Schuhfabrik „nach China verlagern“. Die Menschen müssten sich darauf verlassen können, auch hier in der Heimat sicher versorgt zu werden.
Sie wies in diesem Zusammenhang auch auf die Problematik des „Cherry Picking“ hin: Private oder rein wirtschaftlich handelnde Träger könnten versucht sein, lukrative Leistungen und leichtere Fälle zu bevorzugen, während schwere, aufwendige und damit weniger finanziell rentable Patientinnen und Patienten oder Regionen eher gemieden und damit unterversorgt würden.
Keine überdrehten Vorgaben
Gleichzeitig stellte Zeulner klar, dass es so aktuell zu Über-, Unter- und Fehlversorgung gleichzeitig komme. Deshalb brauche es Steuerungsinstrumente. Sie nahm die „Mahnung“ von Michael Waasner aber ausdrücklich auf und sagte, dass die Politik aufpassen müsse, Vorgaben nicht zu überdrehen. In einzelnen Bereichen, wie Pflegevorgaben, Bürokratie, unzureichende Anerkennung und Nutzung von Kompetenzen der Gesundheitsberufe sehe sie durchaus Reformbedarf.
In der Diskussion wurde auch die Rolle von Krankenkassen und Wettbewerb angesprochen. Zeulner erklärte, dass eine Reduzierung der Zahl der Krankenkassen nach Einschätzung von Experten kaum relevante Einsparungen bringen würde. Denn im Vergleich zeigt sich, dass größere Krankenkassen heute keine bessere Kostenstruktur als kleine Krankenkassen haben. Stattdessen sollten etwa Marketingausgaben und Verwaltungskosten weiter begrenzt werden.
Quintessenz
Insgesamt zeichnete Zeulner das Bild eines Systems, das dringend reformiert werden muss, dabei aber Gemeinwohl, Würde, Versorgungssicherheit und Gerechtigkeit im Blick behalten sollte. Ihre Grundlinie war: Reformen ja, aber so, dass sie nachvollziehbar, möglichst fair und praktisch umsetzbar bleiben.