
Erlangen, 6. November 2025 – Prof. Dr. Brigitte Bürkle von der Evangelischen Hochschule Nürnberg beleuchtete für den Inner Wheel Club Erlangen die Folgen des demografischen Wandels für die Pflege: Immer mehr ältere Menschen sind auf Unterstützung angewiesen, während zugleich die Zahl der verfügbaren Pflegekräfte sinkt.
„Die, die gepflegt werden müssen, werden immer mehr – und die, die pflegen können, immer weniger“, fasste sie die Situation prägnant zusammen.
Trotz dieser Entwicklung sieht die Referentin positive Ansätze. Eine clevere Aufgabenverteilung zwischen Berufsgruppen sowie innerhalb der Pflege könne spürbare Entlastung bringen. Auch Berufsrückkehrerinnen – etwa nach familiären Pausen – und Teilzeitkräfte, die ihre Stunden moderat erhöhen, seien ein wertvolles Potenzial. Ebenso könnten internationale Pflegekräfte helfen, sofern Anerkennungsverfahren vereinfacht und eine echte Willkommenskultur geschaffen würden.
Wesentlich sei zudem die gesellschaftliche Wertschätzung der Pflegeberufe, die in der Pandemie kurzzeitig gestiegen, inzwischen aber wieder verblasst sei. Bürkle sprach sich dafür aus, Wohlstand nicht nur materiell zu verstehen, sondern auch an gesicherter Versorgung und Lebensqualität zu messen. Auch neue Versorgungsformen wie ambulant-stationäre Mischmodelle („stambulant“) oder eine stärkere Einbindung Ehrenamtlicher könnten zur Entlastung beitragen.
Kritisch bewertete sie dagegen die derzeitige Finanzierungslogik und Bürokratie, die Pflegekräfte oft an fachfremde Aufgaben binde. Ebenso wurde die generalistische Pflegeausbildung kontrovers diskutiert: Sie eröffne zwar breitere Einsatzmöglichkeiten, führe aber nach Ansicht vieler Praktiker zu einer Absenkung des fachlichen Niveaus – eine Einschätzung, die nicht alle Teilnehmenden teilten.
Am Ende des Abends entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, in der Zuhörerinnen eigene Erfahrungen und Positionen einbrachten. Gerade dieser offene Austausch machte deutlich, wie vielschichtig und emotional das Thema Pflege bleibt – und dass es, trotz aller Herausforderungen, Raum für neue Ideen und konstruktive Lösungen gibt.

Kräftemangel im Gesundheitswesen – Gibt es positive Ausblicke im Bereich Pflege? In Stichworten
1. Ausgangslage: Demografischer Wandel und Fachkräftemangel
- Ältere Menschen leben länger, sind häufiger krank und länger pflegebedürftig.
- Gleichzeitig sinkt die Zahl der verfügbaren Pflegekräfte.
- Zitat: „Die, die gepflegt werden müssen, werden immer mehr, und die, die pflegen können, immer weniger.“
- Der Fachkräftemangel betrifft alle Qualifikationsstufen, ist jedoch regional unterschiedlich ausgeprägt (abhängig z. B. von der Dichte an Pflegeschulen).
2. Positive Ansätze und Handlungsperspektiven
a) Neue Aufgabenverteilung
- Zwischen Berufsgruppen (Pflege, Medizin, Hauswirtschaft, Service) und innerhalb der Pflege (verschiedene Qualifikationsniveaus).
- Kombination von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen.
- Ziel: gezieltere Zuordnung von Tätigkeiten zur Effizienzsteigerung.
- Hemmnis: aktuelle Finanzierungslogik (Pflegekräfte werden auch für nicht-pflegerische Tätigkeiten vergütet).
b) Berufsrückkehrerinnen
- Potenzial: Wiedereinstieg nach Familienphase oder Wechsel aus anderen Branchen.
- Motivation: Sinnhaftigkeit und Arbeit mit Menschen.
- Notwendig: flexible Arbeitszeitmodelle, faire Vergütung, Kinderbetreuung.
- Teilzeitkräfte könnten durch geringe Stellen-Aufstockung viel bewirken.
c) Internationale Pflegekräfte
- Chancen, aber auch ethische Fragen (Abwanderung aus Herkunftsländern).
- Erfolgsfaktoren: Anerkennung von Abschlüssen, Sprachförderung, gelebte Willkommenskultur.
- Kritik: Anerkennung der Bildungsabschlüsse in Bayern erfolgt uneinheitlich auf Bezirksebene.
d) Mehr Wertschätzung und gesellschaftliche Anerkennung
- Nach Corona: Gefahr des Vergessens der „Systemrelevanz“.
- Vorschläge:
- Steuerliche Vorteile für Pflegekräfte.
- Erweiterung des Wohlstandsbegriffs – Fokus auf Lebensqualität und Versorgungssicherheit.
- Diskussion über ein soziales Pflichtjahr als Nachwuchsimpuls.
- Pflegeberufe gelten als krisenresistent und wenig ersetzbar durch KI.
e) Neue Versorgungsformen
- „Ambulant vor stationär“: längerer Verbleib zu Hause durch Ausbau ambulanter Dienste.
- „Stambulant“: Kombination aus stationärer und ambulanter Betreuung (z. B. Hausgemeinschaftsmodell).
- Ehrenamt und Nachbarschaftshilfe sollen strukturiert integriert werden.
- Ziel: Entlastung stationärer Kapazitäten und finanzielle Bezahlbarkeit.
3. Systemische Herausforderungen
a) Pflegebudget und Fehlanreize
- Pflege wurde aus DRGs ausgegliedert, um Unterbesetzung zu vermeiden.
- Kritik: Es zählen „nur die Köpfe, nicht die Tätigkeiten“.
- Forderung nach klarerer Aufgabenverteilung, um Fehlanreize zu beseitigen.
b) Generalistische Pflegeausbildung
- Kritik: Zusammenlegung von Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege senkt Niveau und Motivation.
- Vorteil: breite Basis für „Community Healthcare“.
- Europäischer Vergleich: mehr Akademisierung und Kompetenzerweiterung (z. B. Spanien, Niederlande).
c) Kostenbelastung
- Aufwertung der Pflege erhöht Eigenanteile und Gesamtkosten.
- System gilt als „nicht stimmig“ – staatliche Unterstützung nötig.
d) Bürokratieabbau
- Hauptproblem: übermäßige Dokumentationspflichten und MDK-Prüfungen.
- Pflegekräfte sollen „endlich wieder das tun können, was sie gerne tun“.
4. Gesellschaftliche Dimension und Ethik
- 24-Stunden-Betreuung durch entsandte Kräfte: wertvoll, aber moralisch ambivalent.
- Abwanderung qualifizierter Kräfte in Grenzregionen (z. B. Luxemburg, Schweiz) wegen besserer Konditionen.
- Angehörigenpflege stark belastend – Modell des familiären Zusammenhalts (wie in afrikanischen Ländern) kaum übertragbar.
- 5. Fazit
Prof. Bürkle betont, dass es keine einfache Lösung für den Pflegenotstand gibt, aber mehrere positive Ansätze, die in Kombination wirksam sein können:
- Aufgaben intelligent verteilen
- Berufsrückkehr erleichtern
- internationale Kräfte fair integrieren
- gesellschaftliche Wertschätzung stärken
- Versorgungsmodelle innovativ weiterentwickeln
- Bürokratie abbauen
Was hat die Evang. Hochschule in Nürnberg (EVHN) mit Pflegeberufen zu tun?
Pflege-Bachelor (B.Sc.)
Die EVHN bietet einen primärqualifizierenden Studiengang „Pflege (B.Sc.)“ an, der zur staatlichen Berufszulassung als Pflegefachfrau/-mann / Pflegefachperson führt.
Wichtige Merkmale:
- Vollzeitstudium über 7 Semester mit 210 ECTS oder Teilzeit über 5 Semester mit 105 ECTS (für bereits examinierte Pflegekräfte).
- Praxisanteil und Kooperation mit Akutkrankenhäusern, Rehakliniken, ambulanten Pflegediensten und Pflegeheimen.
- Ziel: akademische Qualifizierung der Pflegeberufe, um den gestiegenen Anforderungen in Gesundheits- und Pflegeversorgung gerecht zu werden.
Bachelor Gesundheits- und Pflegepädagogik (B.A.)
Ein Studiengang, der Pflege/ Gesundheitsberufe mit pädagogischer Qualifikation verbindet: Wer bereits in einem Gesundheits- oder Pflegeberuf ausgebildet ist, kann sich zur Lehr- und Bildungs-fachkraft qualifizieren.
Berufsperspektiven sind u. a.: Lehrtätigkeit an Pflege- bzw. Gesundheits-Berufsfachschulen, Fort- und Weiterbildung, Konzeption von Schulungs- und Präventionsprogrammen.
Master- und Vertiefungsangebote
- Master „Advanced Nursing Practice (M.Sc.)“: Spezialisiert auf erweiterte Pflegepraxis (z. B. Akutversorgung, Pädiatrie, Community Health Nursing).
- Master „Berufspädagogik Gesundheit und Pflege (M.A.)“: Qualifiziert für Leitung von Pflegeschulen und höhere Aufgaben im Bildungsbereich.
- Zertifikatsstudium „Pädiatrische Pflege“ für Pflegefachpersonen mit mindestens dreijähriger Ausbildung.
Forschung und Praxis-Transfer
Über das Institut für Fort- und Weiterbildung, Innovation und Transfer (IFIT) sowie Forschungsinstitute der EVHN werden Lehrgänge, Praxisforschung und Weiterbildungen angeboten, insbesondere auch im Pflege- und Gesundheitsbereich.