Marloffstein, 5. Feb. 2026 – Der Vortrag von Xaver Frauenknecht „Medizinische und pflegerische Versorgung heute und morgen – von stationär zu ambulant“ ordnet die aktuelle Lage des deutschen Gesundheitswesens als tiefgreifende Transformation ein, die spätestens bis 2030 weitgehend umgesetzt sein muss, wenn Versorgung finanzierbar und verfügbar bleiben soll. Xaver Frauenknecht, Generalbevollmächtigter des Klinikums Neumarkt und bis Ende 2023 Vorstandsvorsitzender der Sozialstiftung Bamberg, zeigt auf, dass der Wandel nicht überraschend kommt: Die Nachfrage nach Gesundheits- und Krankheitsleistungen wächst geschätzt rund sieben Prozent pro Jahr, während Ressourcen, Personal und Finanzierung nicht im gleichen Maß mitwachsen.
Damit rückt Effizienz als zentrale Systemfrage in den Vordergrund. Neben dem demografischen Wandel beschreibt er gesellschaftliche Treiber steigender Morbidität: von Sucht- und Drogenproblemen über Umwelt- und soziale Belastungen bis hin zu einem ungesunden Lebensstil. Besonders auffällig seien die stark zunehmenden psychischen Erkrankungen, auch bei Kindern und Jugendlichen

Demografie – Der Zwang der Zahlen
Als entscheidenden Kipppunkt markiert Frauenknecht die „Babyboomer-Rutsche“ ab 2024: In dieser Phase gehen mehr Menschen in den Ruhestand, als neue Arbeitskräfte nachrücken. Die Folgen sind gleichzeitig mehr Patientinnen und Patienten, weniger Beitragszahler und weniger Fachkräfte, eine kritische Entwicklung für den ländlichen Raum. Gerade in der Pflege wird der Engpass greifbar: In Bayern werden laut Xaver Frauenknecht rund 650.000 Pflegebedürftige überwiegend im häuslichen Umfeld versorgt; eine Verlagerung in vollstationäre Strukturen sei weder personell noch kapazitativ möglich. Daraus leitet er ab, dass der bisherige Reflex – Hilfe durch stationäre Klinik oder vollstationäre Pflege – künftig nicht mehr tragen kann. Stattdessen brauche es differenziertere, vielfältige Angebotsstrukturen, die sich an Lebenslagen und Bedürfnissen orientieren.

Digital vor ambulant vor stationär
Das Leitbild der zukünftigen Organisation fasst er als Versorgungsprinzip „digital vor ambulant vor stationär“ zusammen. Gemeint ist eine Versorgung, die zuerst digitale Möglichkeiten nutzt (z. B. Monitoring, Telemedizin, Beratung), dann ambulante Strukturen stärkt und stationäre Versorgung stärker auf spezialisierte, komplexe Leistungen fokussiert. Voraussetzung dafür ist eine sektorenübergreifende Versorgungskette: weg von episodischen Einzelkontakten, hin zu kontinuierlicher Betreuung, Koordination und einem deutlich besseren Informationsaustausch an den Übergängen zwischen ambulanter, stationärer und pflegerischer Versorgung. Dabei spielt die elektronische Patientenakte (ePA) als verbindendes Element eine Schlüsselrolle. Zugleich benennt Frauenknecht ein praktisches Kernproblem, das die Umsetzung erschwert: fehlende Standardisierung und eindeutige Patientenidentifikation, sodass dieselbe Person in Systemen mehrfach und unterschiedlich auftauchen kann. Genau diese Basis sei jedoch nötig, um Daten sicher zu übermitteln und Sektorengrenzen zu überwinden.
Wie weit geht digital?
Im Vortrag und in der anschließenden Diskussion wird sichtbar, dass „Digital first“ nicht nur Technik-, sondern auch Akzeptanz- und Kulturfrage ist. Aus dem Publikum kommt der Einwand, dass Patientinnen und Patienten digitale Vorstufen oft nicht wollten; Frauenknecht hält dagegen, dass ohne diesen Schritt bis 2030 Unterversorgung drohe und es in seiner Sicht keine Alternative gebe. Zugleich räumt er ein, dass nicht alles digital lösbar ist, denn: Digitalisierung soll vor allem Ressourcen entlasten und Effizienz heben. Konkrete Beispiele zeigen, dass Robotik und KI bereits in der Praxis angekommen sind: Ein Roboter wie „Lion“ wurde im Zentrum für Altenpflege in der Sozialstiftung Bamberg zur Aktivierung und Versorgung der Bewohner zur Entwicklung eingesetzt, Assistenzsysteme für Pflege und Haushalt werden erprobt, und in der operativen Medizin gehörten robotische Verfahren wie Da-Vinci in Teilbereichen zur Routine. Auch in Praxen beschleunigen KI-gestützte Prozesse bereits Abläufe mit der Konsequenz, dass der Erstkontakt teils über Systeme statt über Menschen stattfindet.
Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG)
Ein weiterer Schwerpunkt ist die strukturelle Reform der Krankenhauslandschaft und ihre Wechselwirkung mit Ambulantisierung. Frauenknecht beschreibt das KHVVG als wirksamen Reformrahmen, der, so deutet er es , klare Kostendämpfungsziele im stationären Bereich verfolgt; im Vortrag wird für 2027 ein Zielkorridor von neun bis elf Milliarden Euro Einsparpotenzial genannt. Wer Leistungen künftig anbieten will, muss nicht nur Mindestmengen erreichen, sondern vor allem Struktur- und Personalkriterien erfüllen. Über Leistungsgruppen werden Anforderungen verbindlicher, so etwa eine 24/7-Verfügbarkeit zentraler Diagnostik (CT/MRT), ausreichende Radiologie, Intensivmedizin und interdisziplinäre Kooperationen. Wer diese Voraussetzungen nicht erfüllt, darf die Leistung nicht mehr erbringen und bekommt sie nicht mehr vergütet. Damit entsteht ein starker Konsolidierungsdruck, der politisch oft ungern offen thematisiert wird, aber in der Praxis bereits wirkt.
Vergütung als Anreiz für Ambulantisierung
Parallel dazu schreitet die Ambulantisierung voran: AOP-Leistungen, Hybrid-DRGs und spezialisierte ambulante Versorgungsformen verschieben Volumina aus dem stationären Bereich. Frauenknecht nennt Größenordnungen, nach denen ein relevanter Teil der derzeit rund 16 Millionen stationären Fälle pro Jahr künftig ambulant erbracht werden kann; in der Diskussion wird deutlich, dass dies nicht nur neue ambulante Zentren und Abrechnungslogiken erfordert, sondern vor allem eine eng verzahnte Pflege- und Nachsorgestruktur. Gerade bei älteren, multimorbiden Patientinnen und Patienten – etwa nach Frakturen oder Endoprothesen – reicht „früher entlassen“ nicht aus, wenn Kurzzeitpflege, Übergangspflege und ambulante Pflegeketten fehlen. „Ohne Pflege geht gar nix. Wenn Sie nach der Hüft-Endoprothese nach Hause gehen, dann brauchen Sie irgendwann eine pflegerische Versorgung“, sagt Frauenknecht. Ambulantisierung könne nur funktionieren, wenn Pflegekapazitäten, Koordination und Nachsorge parallel mitwachsen, konstatiert er.
Die Notfallversorgung – ein neuralgischer Punkt?
Auch die Notfallversorgung wird als neuralgischer Punkt beschrieben: Viele Menschen nutzen die Notaufnahme als schnellen Zugang, was Kliniken zusätzlich belastet. Als Lösungsweg skizziert Frauenknecht Modelle der Navigation und Triage mit vorgelagerten Bereitschaftspraxen oder Allgemeinarztstrukturen am Krankenhaus, die einen Teil der Fälle im ambulanten Setting abfangen. Ziel ist, relevante Anteile der Notaufnahme-Kontakte zu steuern, bevor sie stationäre Strukturen blockieren. Hier wird zudem die Bedeutung von 116117 und einer breiteren Öffentlichkeitsarbeit betont: Die Bevölkerung müsse über neue Zugangswege und Angebote informiert werden, sonst wird die Transformation nicht angenommen.
Die doppelte Facharztschiene – teure Zwillinge?
Die Diskussion um Primärversorgung und Steuerung zeigt Deutschland als Sonderfall: Frauenknecht sieht in der doppelten Facharztschiene einen Kostenfaktor mit parallelen Facharztstrukturen ambulant und stationär, während andere Länder stärker integrierte, hybride Arbeitsmodelle kennen. Aus dem Publikum kommt der Einwand, dass Kliniken personell nicht in der Lage seien, neben stationärer Behandlung auch ambulant „aufzuholen“. Frauenknecht kontert mit dem Hinweis auf hybride Anstellungsformen und die Notwendigkeit organisatorischer Weiterentwicklung. Ergänzend wird das Problem der Doppel- und Mehrfachkontakte angesprochen: Patientinnen und Patienten suchen häufig mehrere Facharztmeinungen ohne Lotsung, was Kosten treibt. Als mögliche Antwort wird über Anreizsysteme und Bonusmodelle (Primärversorgung) diskutiert, die gesteuertes Verhalten attraktiver machen.
Versorgungsverbünde – regionale Strukturen
Im Zukunftsbild rücken regionale Versorgungsverbünde in den Fokus. Versorgung soll nicht mehr in isolierten Einzelhäusern organisiert werden, sondern über Kooperationen und Plattformen, die teure Parallelstrukturen abbauen, wie zum Beispiel bei Labor, Pathologie/Telepathologie, Apotheken- und Arzneimittelherstellung, Einkauf, Logistik, Energie- und Nachhaltigkeitsmanagement. Frauenknecht belegt diese Logik mit einem Praxisbeispiel: Statt ein kleines Krankenhaus „einfach zu verlieren“, kann Versorgung durch Umnutzung und Investitionen neu organisiert werden, wie in Parsberg in der Oberpfalz durch ein Demenzzentrum, ein „Haus für Gesundheit“ mit Fachärzten und ein Quartiersbüro als kontinuierliche Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger.
Quartiersbüros und Gesundheitskiosk-Ansätze werden insgesamt als niedrigschwellige Infrastruktur beschrieben, die Prävention, Beratung und Navigation in den Alltag bringen kann.
Ausblick
Schließlich beschreibt Xaver Frauenknecht einen kulturellen Rollenwandel in der nächsten Dekade. Bürgerinnen und Bürger müssen Gesundheitskompetenz entwickeln, pflegende Angehörige werden stärker eingebunden, und bürgerschaftliches Engagement („Sorgekultur“) gewinnt an Bedeutung. Gleichzeitig müssen sich Profis weiterqualifizieren: neue Curricula in Medizin und Pflege, neue Berufsbilder (z. B. Digital-Mediziner, Tele-Nursing), mehr Beratung und Koordination sowie der routinierte Einsatz digitaler Unterstützungssysteme. Die übergreifende Botschaft lautet: Wenn das System finanzierbar bleiben soll, muss sich die Versorgung weiterentwickeln: vernetzt, regional kooperativ, sektorenübergreifend und konsequent ambulant sowie digital gestützt, während stationäre Versorgung sich stärker auf komplexe, qualitätsgesicherte Leistungen konzentriert.
Ich bedanke mich als Präsidentin des Inner Wheel Clubs Erlangen für die tiefen Einblicke in unser Gesundheitssystem und überreichte ein kleines Geschenk.