Pflege

Effektiv organisieren in Zeiten von Fachkräftemangel

Laut Krankenhausbarometer 2022 haben 89 Prozent der Krankenhäuser Probleme, Pflegestellen zu besetzen. Wie lässt sich die Arbeit von Pflegenden gestalten, damit sich diese auf die Versorgungsarbeit konzentrieren können, für die sie ausgebildet sind? HCM hat nachgefragt. Von Franka Struve-Waasner, erschienen in der Fachzeitschrift Health&Care Management 1/2024

Der Ist-Zustand in der Pflege

Der Ist-Zustand in der Pflege beschreibt Andrea Ellermeyer, Leiterin der Pflegewissenschaft am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, mit der bekannten Demografieentwicklung, verkürzten Verweildauern und steigender Komplexität der Versorgungsbedarfe. Vieles wird noch auf Papier dokumentiert. Sie erläutert:

„Wir haben Redundanzen z.B. in Bezug auf Informationssammlung. Es ist nervig, wenn die Telefonnummer der Angehörigen mehrfach abgefragt wird von ärztlicher wie von pflegerischer Seite und zuvor bereits von der Verwaltung.“

In einer hierarchisch strukturierten Pflegeorganisation steht die Pflegedienstleitung an der Spitze, gefolgt von Stationsleitungen, examinierten Pflegefachkräften, Pflegeassistenten und Hilfspersonal. Die Aufgaben der Pflegekräfte und denen anderer Berufsgruppen sind starr getrennt. Die Zuordnung zu Fachabteilungen und Stationen, wie Innere Medizin, Chirurgie, Pädiatrie oder Intensivpflege, fördert spezialisiertes Fachwissen, schränkt aber die Flexibilität ein. Außerdem ist die Pflege oft aufgaben-orientiert, d.h., Pflegekräfte führen spezifische Aufgaben wie Medikamentenvergabe, Wundversorgung oder Vitalzeichenkontrolle aus. Die folgenden Ansätze zielen laut Ellermeyer darauf ab, Effizienz zu steigern, Arbeitsbelastung zu reduzieren und die Versorgungsqualität trotz des Pflegefachkräftemangels zu erhalten bzw. sogar zu verbessern.

  1. Überprüfen von Aufgaben und Zuständigkeiten
    • Dienstleistungen wie Reinigungsarbeiten, Catering und bestimmte administrative Tätigkeiten können effektiv von Dienstleistern oder Stationssekretariaten übernommen werden. Ellermeyer verdeutlicht dies am Beispiel alltäglicher Aufgaben: „Tätigkeiten wie das Servieren von Essen, das Beziehen von Betten oder Hol- und Bringdienste müssen nicht zwingend von examiniertem Pflegepersonal durchgeführt werden. Ebenso kann die technische Unterstützung, etwa beim Ausfüllen von Einverständniserklärungen auf iPads oder bei der Essensbestellung, außerhalb des qualifizierten Pflegebereichs erfolgen.“ Ebenfalls hilfreich: Der Einsatz ausgebildeter Pflegeassistenzpersonen für Aufgaben wie Körperpflege, Reinigungsaufgaben, wodurch examinierte Pflegekräfte die komplexen Aufgaben wahrnehmen können.
    • Durch die Bildung von Flex-Teams oder Personal-Pools kann der Einsatz der Fachkräfte effizienter gestaltet werden.
  2. Digitalisierung und Technologieansatz
    • Die Einführung elektronischer Patientenakten (ePA) und digitaler Dokumentationssysteme erleichtert die gesetzeskonforme und vollständige Dokumentation erheblich. Dadurch stehen alle Patientendaten, einmal im System erfasst, allen Berufsgruppen gleichzeitig zur Verfügung. Patientenarmbänder mit Barcodes ermöglichen die sichere Zuordnung der eingegebenen Angaben ebenso wie die sichere Medikamentenausgabe.
    • Empfehlenswert ist auch die Nutzung von digitalen Kommunikationstools zur Verbesserung der Koordination und Kommunikation. Ellermeyer schlägt vor, logistische Aufgaben zu überdenken: „Ein Beispiel sind Smartphones zur Informationsübermittlung, mit denen Patienten z.B. ein Glas Wasser bestellen, ohne dass eine Pflegefachperson ans Bett kommen muss, um den Wunsch abzufragen.“ Informationen in die eigene oder eine andere Berufsgruppe werden über datenschutzkonforme Messengerdienste weitergegeben.
    • Robotik und automatisierte Systeme erleichtern im Krankenhauswesen Routinetätigkeiten wie Medikamentenverwaltung und -ausgabe. So hat z.B. das Uniklinikum Erlangen ein Unit-Dose-System für patientenindividuelle Arzneimittelversorgung eingeführt, das den administrativen Aufwand für das Pflegepersonal reduziert und die Medikationssicherheit erhöht. Die Einführung digitaler Betäubungsmittelschränke auf verschiedenen Stationen am Universitätsklinikum Köln zeigt z.B. ebenfalls eine deutliche Zeitersparnis und Erleichterung für das Personal.
    • Weitere Technologien wie Tracking-Systeme, ChatGPT, Active-Assisted-Living(AAL)-Geräte, Smartphones mit Sturzsensorik und Ortungsfunktionen, Sturzsensoren im Boden, automatische Wegbeleuchtung und Sprachsteuerungssysteme unterstützen die Pflegenden zusätzlich, indem sie die Patientensicherheit erhöhen und die Arbeitsbelastung reduzieren können. Modulare Systeme bieten Funktionen wie Körpertemperaturmessung, Vitalwertüberwachung und Raumkonditionsüberwachung (Raumtemperatur, Luftqualität, Lichtverhältnisse, Lautstärke), die alle zur Effizienzsteigerung im Pflegealltag beitragen.
  3. Interprofessionelle und intersektorale Zusammenarbeit und erweiterte Rollen
    • Eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Berufsgruppen (Ärzteschaft, Pflegende, Therapeuten) kann eine verbesserte Patientenversorgung erreichen. Erst das Zusammenspiel der verschiedenen Blickwinkel ermöglicht eine umfassende Sicht auf die zu versorgenden Menschen.
    • Die Übertragung einiger bisher ärztlichen Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten auf Pflegefachpersonen sollte substituierend erfolgen, nicht delegierend. So gibt es genügend Studien, die zeigen, dass z. B. die Wundversorgung durch entsprechend qualifizierte Pflegefachpersonen ein mindestens so guter Outcome zur Folge hat.
    • Die Versorgung der Patientinnen und Patienten unter Einbezug spezifischer Konzepte und eines konsequent rehabilitativen Ansatzes fördern die Genesung und können die Verweildauer verkürzen.
    • Versorgungsbrüche über Sektorengrenzen hinweg dürfen in Zukunft nicht mehr vorkommen; deshalb ist die interprofessionelle Zusammenarbeit auch intersektoral bruchlos zu gestalten.
  4. Personalentwicklung und -bindung
    • Wichtig ist die Ausweitung der Kompetenzen und Verantwortlichkeiten von qualifizierten Pflegekräften, um die Effizienz zu steigern und die Abhängigkeit von ärztlichem Personal zu verringern. Nötig ist eine Investition in die Fortbildung der Mitarbeitenden.
    • Relevant ist auch die Einführung flexiblerer Arbeitszeitmodelle und Schichtpläne zur besseren Anpassung an die persönlichen Bedarfe der Mitarbeitenden ebenso wie an schwankende Patientenzahlen.
    • Kompetenzfördernde und Interessengeleitete Entwicklungsangebote machen. Ellermeyer unterstreicht: „Wir müssen den Blick in die Zukunft wagen, der in alle Bereiche gehen muss, damit wir vertikale und horizontale Karrierepfade anbieten. Wir sind dann interessant, wenn wir Perspektiven bieten.“
  5. Optimierung der Patientenflüsse und Arbeitsabläufe
    • Entscheidend ist die Verbesserung einer patientenzentrierten Patientensteuerung und -koordination innerhalb des Krankenhauses, um Wartezeiten und Engpässe zu reduzieren.
    • Außerdem sollte eine Standardisierung und Optimierung von Arbeitsabläufen in der Versorgung erfolgen, um Inkonsistenzen und Doppelarbeit zu vermeiden.
    • Ebenfalls relevant: Änderung der Prozesse, indem die Patientjourney vom Patienten aus gedacht wird.
    • Ellermeyer schlägt außerdem die Implementierung von Pflegemodellen vor, die sich stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten konzentrieren, wie Primary Nursing. Dabei koordiniert die Pflegefachkraft den Betreuungsprozess der ihr zugewiesenen Patienten. Das fördert die Zufriedenheit der Patienten und Patientinnen sowie der Mitarbeitenden

Drei Bausteine sind in Zukunft entscheidend

Angesichts des Fachkräftemangels in der Pflege müssen Krankenhäuser innovative Wege finden, um ihre Organisation effizienter zu gestalten. Das betrifft insbesondere

  • die Digitalisierung,
  • eine verbesserte interprofessionelle Zusammenarbeit und
  • den Fokus auf Mitarbeiterbindung.

Veröffentlicht von Franka Struve-Waasner

Diplom-Kauffrau Franka Struve-Waasner ist zweifache Mutter und arbeitete knapp sechs Jahre als Pressesprecherin des Klinikums Forchheim-Fränkische Schweiz. Nach einer Station als Referentin Kommunikation beim Klinikum Neumarkt ist sie heute freiberuflich für verschiedene Unternehmen, wie das Krankenhausanalyseunternehmen BinDoc GmbH oder die Informationsplattform Health&Care Management in der Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, aktiv. Sie ist in vielfältiger Weise u.a. im Städtepartnerschaftskomitée Forchheim-Le Perreux oder DAV Sektion Forchheim engagiert. Sie ist verantwortlich für den Inhalt auf dieser Seite. Kontakt und Anschrift: franka_struve@web.de; Dreifaltigkeitsweg 1a, 91301 Forchheim

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